Respekt - aber von wem?

Es ist eine Tatsache, dass viele Passanten einen Bogen um Obdachlose machen. Man ist irritiert, wenn man einen Obdachlosen auf der Straße sitzen sieht. Auch wenn dies ja nun gerade in Großstädten kein seltener Anblick ist, entspricht er nicht unseren Sehgewohnheiten. Infolgedessen bleibt der Blick kurz hängen, dann schaut man meist wieder weg. Keiner macht sich darüber Gedanken, wie sich die Obdachlosen dabei fühlen, wenn man achtlos an ihnen vorbeiläuft und sie von oben herab anschaut.

Viele wissen nicht, ob man ihnen Geld geben soll und wenn ja, wem? Man kann schließlich nicht jedem etwas geben. Viele glauben außerdem einem Obdachlosen mit Geld keinen Gefallen zu tun, da er es vielleicht für Alkohol ausgibt und geben ihm folglich stattdessen lieber etwas zu essen. Geht man dann nicht davon aus, dass der Bettelnde nicht selbst entscheiden kann, was gut für ihn ist?

Wir vermuten, dass ein Grund, warum Obdachlose nicht ernst genommen werden in der Unsicherheit im Umgang mit ihnen liegt. Obdachlose sind uns fremd. Nur die Wenigsten denken überhaupt nur daran, offen auf einen Obdachlosen zuzugehen und mit ihm in Kontakt zu treten. Man weiß nicht, wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll und verhält sich deshalb am besten gar nicht dazu.

Spricht ein Bettler einen auch noch direkt an, ist es umso peinlicher. Man blockt ab. Man weiß nicht, was man von seinem Gegenüber zu erwarten hat und wie man mit der ungewohnten Situation umgehen soll. Angesichts des Bildes von Armut wird man sich seines eigenen Überflusses wieder bewusst und bekommt gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil man irgendwie doch zu geizig ist, etwas zu geben. Man läuft vorbei. Im nächsten Moment hat man es wieder verdrängt.

Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass den Obdachlosen mit gemischten Gefühlen begegnet wird. Einerseits empfindet man Mitleid für sie, andererseits ist es nicht zu leugnen, dass auch Berührungsängste und teilweise sogar Ekel eine Rolle spielen. Plätze, an denen sie sich aufhalten, werden allgemein gemieden. Ein Grund hierfür ist sicherlich der Alkoholkonsum. Viele haben beim Gedanken an Obdachlose das klischeehafte Bild von herumlungernden Schnorrern vor Augen, die es sich auf Kosten des Staates gut gehen lassen. Zu einem falschen Bild tragen ein Stück weit auch die „aggressiven Bettler“ bei. Durch sie werden viele, die noch ein bisschen sozial veranlagt sind, abgeschreckt. Dabei darf man die Obdachlosen wirklich nicht alle über einen Kamm scheren. Auch muss man zwischen obdachlosen Bettlern und solchen unterscheiden, die organisiert in Banden betteln. Durch sie werden Leute irritiert. Bettelnde werden unglaubwürdig.

Die Einstellung vieler Menschen ist geprägt von Vorurteilen und einem falschen Bild von Obdachlosen. Durch die Vorurteile, die Ignoranz und den Ekel, den viele Obdachlosen gegenüber empfinden, ist eine soziale Kälte in der Gesellschaft spürbar. Gesellschaftliche Solidarität scheint immer mehr an Bedeutung zu verlieren. Man fragt sich, wo Akzeptanz und Toleranz geblieben sind. Wie steht es mit der Menschlichkeit?

Verfasser: Nina Wild

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-11/obdachlosigkeit-wohnungslose-vorurteile-grossstaedte-mietpreise/seite-3 – Letzter Zugriff: 27.06.2020 um  15:10 Uhr

http://strassenleben.org/wp-content/uploads/2015/02/Dokumentation_Strassenleben.pdf – Letzter Zugriff: 27.06.2020 um 15.20Uhr

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